Pink und blau – ist das so schlau?

Zusammenfassung:
– die Textilindustrie führte die Kodierung von pink für Mädchen und blau für Jungen ein
– der Trend für geschlechtsspezifische Kinderprodukte explodierte dank pränataler Untersuchungen
– die Entwicklung der Farbwahrnehmung von Kindern dauert bis in die Teenage-Zeit an
– die beiden Farbwelten beinhalten verschiedene Botschaften und Produkte, die dann wirklich eine Differenzierung verursachen

Themenübersicht:
1. Geschichte der Farben pink und blau in Kinderprodukten
2. Die pink und blau Marketingkonstruktion
3. Wirkung von pink und blau auf die Entwicklung von Kindern
4. Alternative zu pink und blau

1. Geschichte der Farben pink und blau

500 – 30 v. Chr.

  • Im Römischen Reich galt rot als männlich und dunkelblau als weiblich. Kleidung der Kinder trug die leichten Varianten dieser Farben; also rosa für Jungen und hellblau für Mädchen.
  • 1850

  • Pink, blau sowie weitere Farben fanden in den USA ihren Weg in die Kinderkleidung. Sie wurden zu diesem Zeitpunkt keinem Geschlecht zugeordnet
  • Vor den Weltkriegen

  • … war es in den USA üblich, dass beide Geschlechter bis zum siebten Lebensjahr weiße Kleidchen trugen. Auch ihre Haare wurden bis zu diesem Alter nicht abgeschnitten, sodass man Kindern ihr Geschlecht nicht ansehen konnte.

  • Grund war wohl die Angst, dass Kinder pervers werden könnten, wenn sie das Falsche trügen.
  • 1918:

  • Gegen Anfang des 20sten Jahrhunderts machten einige Läden Vorschläge für geschlechtskonforme Farben

  • Hier ein Artikel von Earnshaw’s Infants‘ Department Juni 1918: 
    “Die allgemein akzeptierte Regel ist rosa für die Jungs und blau für die Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa, eine entschiedenere und stärkere Farbe, besser für den Jungen geeignet ist, während Blau, das zarter und zierlicher ist, für das Mädchen schöner ist.“

  • Parallel gab es Vorschläge wie blau für Kinder mit blauen Augen und pink für Braunhaarige
  • 1927

  • Time magazine veröffentlicht eine Übersicht zu geschlechtskonformen Farben für Mädchen und Jungen entsprechendAngaben der großen Läden in Boston, Chicago und New York

  • die Farbzuordnung von pink und blau für die Geschlechter gingen in beide Richtungen
  • 1940s

  • Pink für Mädchen und blau für Jungen setzte sich bei den amerikanischen Herstellern durch, die meinten, damit den Geschmack der Kunden zu treffen

  • Kinder wurden nun wie Miniatur-Erwachsene gekleidet. Sogar in der Schule trugen Mädchen Kleider
  • Ab Mitte der 1960er

  • Die Freiheitsbewegung der Frauen unterbrach die Differenzierung der Geschlechter durch Kleidung.

  • Mädchen trugen nun maskuline Kleidung in der Hoffnung, sie fühlten sich so freier und hätte mehr Möglichkeiten

  • Der Sears, Roebuck Katalog zeigte keine pinke Kinderkleidung mehr

  • Diese geschlechtsneutrale Kleidung blieb bis 1985 populär
  • 1985

  • … und plötzlich war alles pink oder blau1,2,3
  • 2. Die pink und blau Marketingkonstruktion

    Der große pink/blau Durchbruch gelang den Herstellern, als sich das pränatale Testen standardisierte. Eltern wussten nun bereits vor der Geburt, welches Geschlecht ihr Kind haben würde und konnten den Namen festmachen. Ihre Vorfreude war nicht zu bändigen. Geschlechtsneutrale Produkte blieben in der Ecke stehen. Es sollte schließlich nur das Beste für den Nachwuchs sein. Auch Familie und Freunde wollten diese “Individualisierungsmöglichkeit“ nutzen und schenkten fleißig Geschenke speziell für die kleine Tochter oder den kleinen Sohn. Immer mehr Produktkategorien kopierten den Trend und differenzierten ihr Angebot nach Junge und Mädchen, wie Kinderwagen, Babybett und Autositz.

    Wenn statt Geschlecht die Haar- oder Augenfarbe eines Babys Teil der standardisierten pränatalen Untersuchungen gewesen wären, welche Auswirkungen hätte das auf das Produktangebot und die Erziehung von Kindern gehabt? Hätten wir heute überwiegend blonde Biologen und brünette Physiker oder braunäugige CEOs mit blauäugigen Angestellten?

    Pink und blau wird solange hergestellt, wie es gekauft wird

    Hersteller hätten einen positiven Umsatzeffekt, wie ihn die Aufteilung nach Geschlecht mit sich brachte, nicht erträumen können. Gegen jede Vernunft kauften viele Eltern, die vom ersten Baby noch komplett ausgestattet waren, alles neu, wenn das nächste Baby das andere Geschlecht hatte. Geschlechtsspezifische Produkte zu kaufen, entwickelte sich in manchen Gegenden zu einer Norm mit hohem sozialen Druck. Anders lassen sich solche Doppelkäufe nicht erklären.

    In den letzten Jahrzehnten schossen die Ausgaben für Kinder nach oben. Aus ein paar Spielzeugen sind ganze Spielzimmer geworden. Neben Kleidung, Spielzeug, Raumausstattung, Büchern, Filmen und Arbeitsmaterial gibt es inzwischen auch Online-Spiele und Apps. Die Aufteilung nach Geschlecht hat sich normalisiert und ist mit gewachsen und sie wird weiter wachsen, solange die Produkte gekauft werden.

    Pink und blau nun auch für Erwachsene

    Die 1985er Generation ist inzwischen erwachsen. Hersteller machen sich das zu Nutze, indem sie nun auch Alltagsprodukte aus dem Leben eines Erwachsenen geschlechtsspezifisch vermarkten. Bratwürste, Gewürzgurken und Saft gibt es nun auch getrennt in pink und blau. Zum kommerziellen Erfolg der Produkte können wir nichts sagen. Klar ist aber, dass der Konsument keinen Mehrwert hat. Die Produkte sind die gleichen, nur der Sticker ist anders. Nachteilig ist, dass die Produkte gegebenenfalls teurer vermarktet werden. Die sogenannte Pinksteuer bezeichnet den Effekt, dass Produkte, die speziell für Frauen vermarktet werden, im Schnitt teurer sind. Außerdem ist eine Einteilung von Nahrungsmitteln schwieriger, wenn man sich Produkte nicht teilt, sodass potenziell mehr Essen verdirbt.

    3. Wirkung von pink und blau auf die Entwicklung von Kindern

     3.1 Entwicklung der Farbwahrnehmung

    Neugeborene sehen wortwörtlich alles in schwarz und weiß, da ihre Farbrezeptoren noch nicht entwickelt sind. Sogenannte Augenzapfen sind für die Farbwahrnehmung verantwortlich und ihre volle Entwicklung ist erst im Teenage-Alter abgeschlossen. Das bedeutet, Kinder sehen nicht die volle Farbpracht unserer Welt, sondern eine farbschwächere Version. Das erklärt, warum Kinder knallige und leuchtende Farben mögen, die in der Regel nicht den Geschmack von Erwachsenen treffen. 

    Die erste Farbe, die Kinder sehen können, ist knalliges rot und leuchtendes violett. Die meisten kleinen Kinder fühlen sich daher von Pinktönen angesprochen. Blau hingegen erkennen Babys noch gar nicht. Mit circa drei Monaten erkennen Kinder mehrere Grundfarben und ab dem sechsten Monat kommt das Erkennen von Blau-Gelb dazu.

    Einen Unterschied der Geschlechter in Farbwahrnehmung gibt es nicht. Bunte, kontrastreiche Farben regen die Kreativität an, helle, leichte Farben wirken beruhigend. Leichtes rosa soll eine beruhigende Wirkung haben, vielleicht weil es an die sichere Zeit in Mamas Leib erinnert. Brauntöne mögen Kinder meist nicht besonders.

    3.2 Frühe Entwicklung von Spielpräferenzen

    Bereits Einjährige zeigen eine geschlechtsspezifische Präferenz im Bezug auf Spielsachen. Zu diesem Zeitpunkt sind sie sich ihres Geschlechtes noch gar nicht bewusst. Das passiert erst mit circa zweieinhalb Jahren. Anschließend dauert es weitere drei Jahre, bis sie realisieren, dass ihr Geschlecht permanent ist und sich nicht mehr ändern wird. Die Frage ist, wo diese Präferenzen herkommen. Zwei naheliegende Erklärungsmodelle stehen sich gegenüber:

    Angeboren:

    → Die angeborenen Interessen unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern

    Die Geschlechter haben sich vermutlich über Jahrmillionen auf verschiedene Rollen spezialisiert. Es ist vorstellbar, dass sich Interessen in unterschiedlichem Maße durchgesetzt haben. Auszuschließen ist jedoch, dass geschlechtsspezifische Farbpräferenzen angeboren sind. Es ist weder zu beobachten, noch gäbe es dafür eine Erklärung.

    » Hier erfährst Du alles zu angeborenen Geschlechtsunterschieden

    Sozialisiert (gelernt):

    → Ihr Umfeld gibt den Kindern aufgrund ihres Geschlechtes unterschiedliches Spielzeug, an das sie sich dann gewöhnen

    – Kinder erkennen Merkmale, welche ihr Spielzeug von anderen unterscheidet (Farbe) und identifizieren sich mit diesem Merkmalen

    – Sie entwickeln tatsächlich eine Präferenz für das Merkmal (Farbe und weitere) und bestätigen die anfangs unbegründete Annahme

    Da sich Kinder ab ihrem ersten Tag in einem sozialen Umfeld befinden und beeinflusst (sozialisiert) werden, können wir nie zweifelsfrei sagen, ob Interessen angeboren oder erlernt worden sind. Man kann aber davon ausgehen, dass beides eine Rolle spielt.

    3.3 Stereotypisierung

    Die Zuteilung von pink für Mädchen und blau für Jungen entstand nicht aus Überlegungen zum Wohle der Kinder heraus. Es war ein geglückter Versuch, aus dem Stolz frischer Eltern höhere Umsätze zu erzielen. Einem Baby ist weder das Konzept Geschlecht bekannt, noch kann es Farben erkennen.

    Tatsächlich unterscheiden sich Kinder bis zur Pubertät kaum voneinander und Farbpräferenzen aller Kinder tendieren zum knalligen roten Bereich, weil sie diese Farben am ehesten erkennen. Und für angeborene Geschlechtsunterschiede gilt: Nur weil Jungen beispielsweise eher Objekte auseinander bauen, heißt das nicht, dass es alle Jungen tun und kein Mädchen. Die Wahrscheinlichkeit ist bei einem Jungen nur etwas höher als bei einem Mädchen. Wenn wir ein Kind auf sein Geschlecht reduzieren, schreiben wir ihm viele Eigenschaften zu, die gar nicht zutreffen – diese Eigenschaften nennen wir in diesem Fall Stereotype.

    Stereotype in Angebot und Marketing

    Kinderprodukte werden inzwischen zu einem sehr hohen Anteil an ein bestimmtes Geschlecht vermarktet. Der gesamte Markt ist entsprechend stereotypisiert. Die Geschlechter werden künstlich getrennt, weil sie mit unterschiedlichem Spielzeug spielen und unterschiedliche Aktivitäten ausüben. Interessen, die bei den Geschlechtern in unterschiedlichem Maße vorliegen, werden vom Markt aufgegriffen und einem Geschlecht ganz und dem anderen gar nicht zugeschrieben. Über alle Kinder hinweg verstärkt sich der Unterschied dadurch, weil nun das Geschlecht, bei dem das Interesse weniger stark ausgebildet war, nun gar nicht mehr mit entsprechendem Spielzeug in Berührung kommt.

    Wir sollten Kindern nicht einschränken, sondern ihnen ein breites und neutrales Angebot bereiten, sodass sie selbst ihre Präferenzen herausfinden können. Außerdem sollten wir Gemeinschaft fördern und nicht Unterschiede überbetonen.

    Pink und blau – mehr als nur Farben

    Das große Problem an der pink-blau Differenzierung ist, dass wir nicht nur von Farben sprechen. Es handelt sich hingegen um zwei verschiedene Welten, denen wir unterschiedliche Interessen, Tätigkeiten, Fähigkeiten, Rollen und Bewertungen zuschreiben und Einfluss auf den Selbstwert und die Entwicklung von Kindern nehmen.

    Geschlechtsspezifisches Spielzeug führt dazu, dass die Geschlechter systematisch verschiedene Fähigkeiten trainieren. Beispielsweise fand das Institute of Engineers heraus, dass Spielzeug mit wissenschaftlichem Hintergrund dreimal häufiger als Jungen-Spielzeug vermarktet wird. Die beiden Welten sind von sehr verschiedenen Botschaften dominiert. Während T-Shirts für Jungen Aufschriften tragen, welche die Coolness des Trägers bezeugen, geht es bei Mädchen überwiegend um Äußerlichkeiten. An diesem Beispiel sehen wir zudem, dass mit den Farben auch eine Bewertung einhergeht, die den Selbstwert des Kindes prägt. Dazu kommen Bewertungen aus der Umwelt. Besonders Jungen bekommen von Vätern negatives Feedback, wenn sie sich für “Mädchenkram” interessieren. Stereotype, an die eine negative Wertung geknüpft ist, sind per Definition Vorurteilen. Wenn wir ein Geschlecht durch eine Farbe identifizieren, entspricht eine Abwertung der Farbe einer Abwertung des Geschlechtes. Natürlich sind Kinder mehr als ihr Geschlecht und mehr als eine Farbe – aber woher sollen sie das wissen?

    4. Alternative zu pink und blau

    Eltern kaufen geschlechtsspezifische Kinderprodukte, weil sie glauben ihren Kindern damit einen Gefallen zu tun. In der Regel freuen sich die Kinder auch, da sie gelernt haben, sich mit der Farbe und dazugehörigen Merkmalen zu identifizieren. Damit unterstützen Eltern die geschlechtsdifferenzierende Marketingstrategie und der Kreislauf verstärkt sich. Eltern müssen jedoch bedenken, dass es nicht Aufgabe der Kinder ist, über den Tellerrand hinauszuschauen und zu sagen „Liebe Umwelt, ab jetzt möchte ich bitte mit Spielzeug spielen, das meinen Selbstwert steigert und womit ich wichtige Fähigkeiten trainiere“.

    Der Happy Jona – Shop

    Im Happy Jona Shop kategorisieren wir Spielzeug nach den Fähigkeiten, die dadurch trainiert werden und Kleidung nach den Botschaften, die sie vermitteln. Alle Produkte sind für alle Kinder geeignet. Wir wollen Eltern bei einer werteorientierten Erziehung unterstützen.



    Gleichheit ✔ Ehrlichkeit ✔ Respekt ✔ Neugier ✔ Empathie


    Vorteile einer gender-neutralen Erziehung:

    • Kinder haben eine Chance, sich als Individuum kennenzulernen
    • die Geschlechtsidentität baut sich auf Fakten statt Stereotypen auf
    • Förderung von Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten
    • breites Training durch Vielfalt an Spielzeug
    • gleiche Werte, Regeln und Botschaften für alle

    Farbe ist bedeutungslos, wenn wir ihr keine Bedeutung geben. Lass Deinem Kind auch hier einfach die freie Wahl. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass unbeeinflusste Jungen pink mögen, weil Kinder grelle Rottöne am besten wahrnehmen. Wenn Du pink generell vermeiden möchtest, bitte Dein Kind doch einfach, sich eine andere Farbe auszusuchen, weil sie Dir nicht gefällt (nicht, weil es nichts für das Kind sei). Sei selbstbewusst, dann wird Dein Kind es auch!


    Nächstes Thema: Gender-neutrale Erziehung

    Jetzt haben wir intensiv zum Zustandekommen des pink-blauen Angebotes für Kinder gesprochen. Kommt denn eine gender-neutrale Erziehung in Frage? Erfahre mehr »

    Gender-neutral
    Gender-neutral

    Quellen: 

    1. smithsonianmag.com Abruf 01.09.2019
    2. britannica.com Abruf 01.09.2019
    3. “Pink and Blue: Telling the Boys from the Girls in America“ von Jo B. Paoletti
    4. alpina-farben.de Abruf 01.09.2019
    5. pampers.de Abruf 01.09.2019

    Warum der Mindestbestellwert von 100 Euro?

    Ab einem Warenkorb dieser Größenordnung verschickt der Großhändler die Ware direkt zu Dir nach Hause

    1. Das ist nachhaltig, weil die Ware nicht 2x innerhalb Deutschlands versendet werden muss, sondern direkt vom Großhandel an den Kunden geschickt wird.

    2. Happy Jona hat jetzt am Anfang mehr Kapazität für den Ausbau des Sortiments, weil Lagerung und Lieferung entfällt.

    Danke für Dein Verständnis!

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