Gründe für Geschlechtsunterschiede in kognitiver Leistung

Zusammenfassung:
– Mädchen tendieren zu prädikativem Denken
– Jungen tendieren zu funktionalem Denken
– Mädchen geben “Jungenfächern” erst gar keine Chance
– Mädchen haben weniger Motivation für abstrahierte Aufgaben

Themenüberblick:
Einführung
Prädikatives und Funktionales Denken
Evolution als Erklärungsmodell
Sozialisierung
Lateralisierung

Einführung

Wir haben Studienergebnisse zu den Tendenzen der Geschlechter in der kognitiven Leistung zusammengefasst und festgestellt, dass die Geschlechter sich größtenteils überschneiden. Kleine Unterschiede sind festzustellen in verbalen, räumlichen und analytischen Fähigkeiten sowie der Wahrnehmungsgeschwindigkeit. Männer und Frauen sind auch heute noch oft unterschiedlichen Lernumwelten ausgesetzt, beispielsweise bedingt durch die jeweilige Studien- und Berufswahl. Wenn wir Geschlechtsunterschiede in den Tests beobachten, wissen wir nicht, ob diese Unterschiede durch ihre Gene oder ihre unterschiedliche Umwelt geprägt wurden (vermutlich eine Wechselwirkung aus beiden)1. Im Folgenden erörtern wir Erklärungsmodelle für beide Möglichkeiten.

Prädikatives und Funktionales Denken

Inge Schwank (1990 Osnabrück) untersuchte die verschiedenen Herangehensweisen beim Programmieren und stellte fest, dass Erfolg in hohem Maße davon abhing, wie die Aufgabe gestellt wurde. Daraufhin unterschied sie zwei Denkstile:

Prädikatives Denken: 
Prädikative Denker haben das Ganze im Blick. Sie neigen eher dazu, in Beschreibungen Prädikate zu verwenden und Relationen aufzuzeigen.
Prädikatives Denken hat einen statischen Charakter. Man beschreibt die IST-Situation.

Funktionales Denken: 
Funktionale Denker beziehen sich auf Zweck und Funktion von Gegenständen und fokussieren sich auf Wirkungsbeziehungen zwischen ihnen. 
z.B. “Man kann den Ball werfen und damit Fußball spielen.”
Funktionales Denken ist eher prozessorientiert. Man beschreibt, wie etwas funktioniert und was passieren kann.

Die Geschlechter unterscheiden sich deutlich in ihrer Tendenz zu den Denkstilen2:

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Die klare Mehrheit der Mädchen nutzen überwiegend den prädikativen Denkstil. Bei den Jungen zeigt sich keine klare Präferenz. Die Mehrheit nutzt überwiegend funktionales Denken, während ein Drittel eine Präferenz zum prädikativen Denken zeigt. Zu überprüfen bleibt, ob sich diese Theorie der Denkstile auch auf andere Bereiche als das Programmieren übertragen lässt.

Aufgabenstellung

Angesichts dieser Ergebnisse liegt die Vermutung nahe, dass Erfolg und Misserfolg von Schülern und Schülerinnen auch daran geknüpft ist, wie die Aufgaben gestellt sind und wer sich diese überlegt. Prädikative Denker müssen erst das gesamte Problem inklusive aller Aspekte verstanden haben, während funktionale Denker einfach anfangen, Dinge ausprobieren und infolgedessen auf Zusammenhänge stoßen.

Mengenlehre und Algebra erfordern eher prädikatives, Infinitesimalrechnung mehr funktionales Denken. Wie schön wäre es, wenn alles durch geeignete Präsentation allen Schülern nahezubringen ist. Intelligente Schüler und Schülerinnen können Aufgabenstellungen für sich selbst übersetzen. Das kostet sie allerdings Zeit. Physik verlangt größtenteils funktionales Denken. Das würde erklären, warum Mädchen in Mathe aufholen konnten, in Physik aber kaum.

Motivation

Die wenigsten Schüler rennen morgens voller Begeisterung in ihren Unterricht, freudig zu erfahren, was sie heute lernen dürfen. Neben dem Stress und dem Druck fragen sie sich, warum sie das lernen sollen. “Warum muss ich das lernen? Wem soll das denn helfen?” oder “Die Aufgabe ist lächerlich. Warum würde ich irgendwohin gehen, um ein Haus zu bauen, aber nichts zu messen dabei haben?”. Die unterschiedlichen Denkstile können Einfluss auf die Motivation ausüben, mit der man eine Lösung finden möchte. Aufgaben, beispielsweise in Mathe, geben meist nur wenig Auskunft über die Situation oder auch nur den Grund, warum ein Problem überhaupt gelöst werden muss. Qualitative Aspekte finden oft keinen Platz in den Aufgabentexten, was prädikative Denker frustriert. Auch das bloße Anwenden eines vorgegebenen Lösungsweges wirkt nicht sehr inspirierend auf sie. In Alltagsproblemen spielen Rahmenbedingungen schließlich eine wesentliche Rolle in der Lösungsfindung und vorgegebenen Lösungswege gibt es nicht.

Dörner6 (1989 nach Bischof-Köhler 2006) testete das Lösen von realistischen Problemen. Über Computersimulationen bat er seine Probanden, Entwicklungshilfemaßnahmen umzusetzen. Die Ergebnisse korrelierten überhaupt nicht mit den Ergebnissen von Intelligenztests. Zudem unterschieden sich die Geschlechter nicht in der Effizienz der Planung .

Evolution als Erklärungsmodell

Lass uns einmal die Perspektive verfolgen, welche Gründe für Geschlechtsunterschiede in kognitiver Leistung Millionen von Jahren Evolution beigetragen haben könnte.

Frauen nahmen in der überwiegenden Zahl der Kulturen neben weiteren Aufgaben die Rolle der Familienmanagerin ein. Als solche mussten sie Details der Tagespläne aller Familienmitglieder kennen und koordinieren. Prädikatives Denken ist sehr vorteilhaft, um einen guten Job zu machen. Für Männer war es hingegen öfter erforderlich, das Umfeld auszublenden und sich auf ein einziges Problem zu konzentrieren. Tätigkeiten der Männer waren über verschiedene Kulturen weniger konsistent als bei Frauen, was vielleicht der Grund ist, warum sich bei ihnen kein Denkstil so prominent ausgeprägt hat. Damit ist nicht erklärt, wie die Unterschiede in den Denkstilen zustande kamen, aber warum sie sich über Jahrmillionen gehalten haben könnten.

Eine hervorragende Raumorientierung ist hilfreich für die Großwildjagd. Sammlerinnen mussten zwar auch ihren Weg zurück nach Hause finden, sie waren aber langsamer unterwegs und ihr Aktionsradius blieb kleiner. Von daher spielte es für sie eine wesentlichere Rolle, sich Ortsmarken merken zu können3.


Die Happy Jona – Werte

✓ Gleichheit   ✓ Ehrlichkeit   ✓ Respekt   ✓ Neugier   ✓ Empathie


Sozialisierung

Selbst wenn sich evolutiv bestimmte Neigungen durchgesetzt haben, heißt das nicht, dass ein entsprechendes Verhalten auch gezeigt wird. Es kommt immer auf das Zusammenspiel von anlagebedingten Merkmalen (Genen) und der Sozialisation (Lernen vom Umfeld) an.

Förderung angeborener Unterschiede

Es ist vorstellbar, dass Jungen tendenziell ein stärkeres Interesse an explorativem Verhalten zeigen. Wenn dieses Verhalten dann von der Umwelt gelobt und beispielsweise vom Vater weiter gefördert wird, erhält der Junge zusätzlich mehr Training in explorativem Verhalten. Ähnliches kann man bei Müttern und Töchtern bezüglich der sprachlichen Begabung beobachten. Mädchen zeigen mehr Interesse an der Kommunikation, was die Mütter als belohnend empfinden. Dementsprechend sprechen sie mehr mit ihren Töchtern und Mädchen erfahren im Schnitt mehr verbale Übung als Jungen und werden tatsächlich besser.

Selbstbewusstsein

Wir sehen, dass Mädchen in Mathe bessere Schulnoten erreichen. Trotzdem schneiden sie bei dem SAT schlechter in den Matheaufgaben ab als Jungen. Möglicherweise strengen sich Mädchen in der Schule mehr an und können ihr gelerntes Wissen weniger in den Aufgabenstellungen des SAT anwenden. Vorstellbar ist auch, dass sie eine erhöhte Testangst davon abhält, ihr volles Leistungspotenzial in diesen Momenten zu zeigen.

Mathematik gilt weit verbreitet weiterhin als Jungenfach. Viele Eltern gehen davon aus, Jungen würden die höhere Begabung mitbringen und bangen um die Leistungen ihrer Tochter, bevor sie die überhaupt zeigen konnte. Die Wirkung auf das Selbstvertrauen der Mädchen ist immens. Manche halten sich für schlecht, ohne Mathe je eine Chance gegeben zu haben. Viel zu oft wird die Skepsis anderer Ursache, dass Mädchen schlechter abschneiden. Man spricht dann von einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Im Fall Mathe sehen wir, wie ein von Außen übernommener Stereotyp die tatsächliche Leistung beeinträchtigt. Selbst hochbegabte Mädchen trauen sich einfach weniger zu als Jungen.

Dazu komme weitere soziale Effekte. Mädchen schreiben ihre positiven Ergebnisse eher glücklichen Umständen zu, Jungen dagegen auf das eigene Können4. Einige Studien zeigen darüber hinaus, dass Jungen mehr gelobt werden in Mathematik als Mädchen5. Ein weiterer Aspekt könnte auch sein, dass sich junge Männer eher über ihre individuelle mathematische Leistung definieren und junge Frauen eher über soziale Belange und Beziehungen7.

Lateralisierung

Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hälften und jede Hälfte hat ihre Spezialisierungen. Die linke Hälfte brauchen wir für analytische Fähigkeiten, schlussfolgerndes Denken sowie sprachgebundene Leistungen. Vorwiegend die rechte Hälfte nutzen wir für räumliche Orientierung, ganzheitliches Erfassen, anschauliches Vorstellen und Musikalität. Diese funktionelle Asymmetrie nennen wir Lateralisation des Gehirns.

lateralization - cognitive performance - happyjona
Visualisierung der Gehirnhälften inkl. ihrer Spezialisierungen

Lateralisierung und Geschlecht

Bei Männern konnte ein Zusammenhang von mathematischer Begabung und Linkshändigkeit festgestellt werden. Möglicherweise stammen kognitive Unterschiede zwischen den Geschlechtern von der Art der Nutzung der rechten Hirnhälfte8. Andere Studien zeigten, dass bei Frauen tendenziell eine stärkere Vernetzung zwischen den beiden Hirnhälften besteht und sie deswegen dazu neigen, beide Hälften (bilateral) zur Problemlösung nutzen. Bei Männern liegt eine engere Vernetzung innerhalb der Hemisphären vor9. Die Lateralisierung ist somit bei ihnen stärker ausgeprägt.

Lateralisierung und Hormone

Androgene, die bei Männern in deutlich höherem Maße vorliegen, wirken verlangsamend auf das Wachstum der linken Hemisphäre. Die rechte Hirnhälfte kann sich währenddessen schneller entwickeln. Die Androgene werden mit Eintritt der Pubertät vermehrt ausgeschüttet, was erklären würde, warum es um diesen Zeitraum zu einem Schwung der Jungen in MINT-Fächern kommt.

Wie sieht es nun mit dem weiblichen Östrogen aus? Nyborg (1990) konnte zeigen, dass für eine optimale räumlich-visuelle Leistung eine bestimmte Östrogenkonzentration notwendig ist. Östrogen in unzureichender Menge führt zu einer extrem niedrigen Leistung. Mit einer Östrogenbehandlung verbesserten sich die Werte von Patientinnen mit dem Turner-Syndrom (die nur ein einziges X-Chromosom haben) dramatisch. Laut Nyborg haben Frauen mehr Östrogen als für eine optimale Leistung notwendig und Männer zu wenig, liegen aber näher dran. Für diese Theorie spricht auch, dass Frauen während der Menstruation bessere räumlich-visuelle Leistungen zeigen.


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Quellen:

  1. spektrum.de Abruf 12.07.2019
  2. Bischof-Köhler 2006, S. 233 – 235
  3. Kimura 1999
  4. Hyde et al., 1990 nach Bischof-Köhler 2006 S. 229
  5. Eccles-Parsons et al., 1982
  6. Dörner 1989 nach Bischof-Köhler 2006
  7. Feather, 1988
  8. welt.de Abruf 13.07.2019
  9. spektrum.de Abruf 13.07.2019

Warum der Mindestbestellwert von 100 Euro?

Ab einem Warenkorb dieser Größenordnung verschickt der Großhändler die Ware direkt zu Dir nach Hause

1. Das ist nachhaltig, weil die Ware nicht 2x innerhalb Deutschlands versendet werden muss, sondern direkt vom Großhandel an den Kunden geschickt wird.

2. Happy Jona hat jetzt am Anfang mehr Kapazität für den Ausbau des Sortiments, weil Lagerung und Lieferung entfällt.

Danke für Dein Verständnis!