Tendenzen der Geschlechter in der kognitiven Leistung

Zusammenfassung:
– fast alle beobachteten kognitiven Geschlechtsunterschiede haben nur geringe Effektstärken
– sie bestehen im räumlich-visuellen Vorstellungsvermögen, analytischen Denken, verbalen Fähigkeiten sowie in der Wahrnehmungsgeschwindigkeit

Themenüberblick:
Räumlich-visuelles Vorstellungsvermögen
Analytisches Denken und Mathematik
Verbale Fähigkeiten
Wahrnehmungsgeschwindigkeit

Dass es unterschiedliche Tendenzen der Geschlechter in der kognitiven Leistung gibt, zeigen verschiedene Studien mit Kindern. Beispielsweise antworten Jungen und Mädchen tendenziell unterschiedlich auf die Bitte, einen Ball zu beschreiben. Mädchen nutzen häufiger Beschreibungen wie “Er ist rund, mit Luft gefüllt, sieht bunt aus und ist aus Gummi”. Von Jungen hört man hingegen öfter “Er hüpft, man kann damit Fußball spielen oder Fenster einwerfen”1. Während Mädchen eher auf die Eigenschaften des Balles eingehen, neigen Jungen dazu, Tätigkeiten aufzuzählen, die sich mit Hilfe des Balles durchführen lassen.

Schlagzeilen zu IQ und Geschlechtsunterschieden küren gerne ein allgemein gültiges Gewinner-Geschlecht2 und vermitteln damit einen falschen Eindruck. Tatsächlich gehen entsprechende Studien mal in die eine, mal in die andere Richtung und Effektstärken sind gering3. Ganz abgesehen davon spiegelt eine einzelne Zahl nicht die Komplexität der kognitiven Leistung wider. Interessant ist, in welchen Bereichen unterschiedliche Tendenzen der Geschlechter auftreten und ob diese angeboren sind oder sich aufgrund von unterschiedlicher Behandlung entwickelt haben. Auf dieser Seite findest Du zunächst die Ergebnisse aus Studien zu potenziellen Tendenzen der Geschlechter in der kognitiven Leistung. Ob diese Unterschiede nun angeboren sind oder anerzogen wurden, diskutieren wir » hier (Link kommt unten auf der Seite nochmal).

Begriff: Die Effektsärke (d) erläutert die Größe eines Effektes:
0,2 -> kleiner Effekt
0,5 -> mittlerer Effekt
0,8 -> großer Effekt

Räumlich-visuelles Vorstellungsvermögen

Einen Teilbereich der kognitiven Leistung stellt das räumlich-visuelle Vorstellungsvermögen dar, welches eng geknüpft ist an Zielsicherheit und an die Fähigkeit, sich zurecht zu finden. Auch Dein Verständnis für technische Vorgänge mit raumgebundener Kausalstruktur verlangen räumliches Vorstellungsvermögen.

cognitive performance - mental rotation
Auszug aus einer Aufgabe zu mentaler Rotation

In Übungen wie der obigen geht es um die Fähigkeit, mental dreidimensionale Objekte zu drehen. Bei der mentalen Rotation können robuste Geschlechtsunterschiede beobachtet werden4. Dahingegen treten in der räumlichen Wahrnehmung und Visualisierung höchstens moderate Effektstärken5 auf.

In einem Test von Linn & Peterson 1985 waren Probanden gefragt, in einem verdunkelten Raum eine Leuchtlinie in ihre senkrechte Position zu bringen. Die Geschlechter unterschieden sich nicht signifikant in dieser Aufgabenlösung. Anschließend platzierte das Forscherteam allerdings eine Vertikale im Raum. Frauen zeigten daraufhin eine ausgeprägtere Tendenz, sich an dieser zu orientieren und die Position der Leuchtlinie an sie anzupassen. Man spricht dabei von einer Feldabhängigkeit.

Nach Quaiser-Pohl 1998, S.41 wurden bei Kindern noch keine konsistenten Geschlechtsunterschiede des räumlich-visuellen Vorstellungsvermögens gefunden. Erst im Erwachsenenalter erzielen Männer im Schnitt etwas bessere Werte6.

Analytisches Denken und Mathematik

Ein weiterer Teilbereich kognitiver Leistungen ist das analytische Denken. Es bezeichnet die Fähigkeit:

  • Strukturen in ihre Bestandteile zu zerlegen
  • Funktionen einzelner Teile aus dem Ganzen zu verstehen
  • Umstrukturierungen vornehmen zu können

In Studienfächern wie Physik und Informatik überwiegen auch heute noch männliche Studenten. In Deutschland studierten 2017 knapp 75 Prozent männliche Studenten im Fach Ingenieurwissenschaften7. Dem entgegen stehen 75 Prozent8 der 2018-er Studentinnen im Fach Psychologie. Wir sehen, es gibt einen klar beobachtbaren Geschlechtsunterschied in der Wahl der Fächer. Liegt dieser Tendenz der Geschlechter nun ein Unterschied der kognitiven Leistung in diesem Bereich zugrunde?

cognitive performance - SAT 1980-83

In der obigen Abbildung9 sehen wir die Mathe-Ergebnisse aus dem Scholastic Aptitude Test (SAT-M) von 1980 – 83. Der Test wird von den meisten Universitäten der USA verlangt. Die beiden Kurven der Geschlechter überschneiden sich weitestgehend. Das heißt, für die meisten Jungen gibt es ein Mädchen mit gleichem Testergebnis und andersherum. Etwas mehr Mädchen als Jungen liegen im Bereich um die 400 Punkte. Unter Kandidaten mit Punktzahlen ab 500 findet man mehr Jungen. Wir sehen, dass sich die Masse der Teilnehmer überschneidet und nur unter den Ausreißern mit sehr hohen Punktzahlen befinden sich deutlich mehr Jungen als Mädchen.

Ein durchschnittlicher Vorsprung von Jungen in manchen Bereichen der Mathematik beginnt ab etwa zehn Jahren. Heute gibt es hingegen auch einige Länder, in denen Mädchen in Mathe in der Schule besser sind als Jungen. Dadurch weiten Mädchen ihren generellen Leistungsvorsprung in der Schule aus10. Auch in den USA erreichen Mädchen bessere Mathenoten. In Tests, die mathematische Fähigkeiten prüfen, schließen sie dann trotzdem schlechter ab. Hyde et al. 1990 kommen nach Durchsicht von 100 Studien auf den Schluss, dass Geschlechtsunterschiede bei einer durchschnittlichen, gewichteten Effektstärke von d=0,15 insgesamt sehr klein sind11.

Verbale Fähigkeiten

Der dritte Teilbereich kognitiver Leistung, dem wir uns widmen wollen, sind verbale Fähigkeiten. Mädchen können im Mittel besser buchstabieren, sind sicherer in der Anwendung von Grammatik und bilden längere Sätze (sofern nicht von Jungen unterbrochen). Legastheniker und Stotterer sind hingegen überwiegend Jungen. Eine Untersuchung von Kimura, 1992 und Hyde & Linn 1988 (nach Bischof-Köhler 2006) zeigt, dass Frauen im Schnitt eine höhere gedankliche Beweglichkeit (Ideen- oder Wortflüssigkeit) besitzen. Sie können mehr Gegenstände derselben Farbe oder Worte mit dem selben Anfangsbuchstaben aufzählen (d = -0,22; -0,38) sowie Anagramme bilden (d=-0.25). Außerdem fällt es ihnen tendenziell leichter, komplizierte Texte sowie anspruchsvolle logische Beziehungen zu verstehen. Aber auch hier sind die Effektstärken nicht groß. Der verbal breitgefächerte Vorsprung der Mädchen geht in der mittleren Kindheit etwas zurück, wird aber ab zehn Jahren wieder deutlich12

Wahrnehmungsgeschwindigkeit

Ein weiterer Teilbereich kognitiver Leistung ist die Wahrnehmungsgeschwindigkeit, welche den benötigten Zeitaufwand misst, um Unterschiede zwischen Objekten festzustellen. Sie spielt eine wichtige Rolle in neuropsychologischer Diagnostik sowie im kognitiven Altern. Testpersonen werden Zahlen-Symbol-Listen vorgelegt sowie eine Liste mit Zahlen. Dann wird die Zeit gemessen, die sie brauchen, um den Zahlen die entsprechenden Symbole zuzuordnen. Frauen schneiden im Schnitt besser ab bei kleinen bis mittleren Effektstärken13.

Zusammengefasst und in Perspektive gestellt

Zusammenfassend stellen wir fest, dass es in kognitiver Leistung kein allgemeines Gewinnergeschlecht gibt. In den Teilbereichen kognitiver Leistung finden wir nur leichte Tendenzen der Geschlechter, während sich die Masse in ihrer Leistung überschneidet. Das weibliche Geschlecht hat im Durchschnitt einen Vorsprung in verbalen Fähigkeiten und in der Wahrnehmungsgeschwindigkeit. Das männliche Geschlecht hingegen punktet im Schnitt leicht höher in der mentalen Rotation und im Bereich des analytischen Denkens.

An dieser Stelle müssen wir uns die Annahmen vergegenwärtigen, die wir implizit getroffen haben. Wir gehen davon aus, dass die Testergebnisse auf unsere gesamte Gesellschaft zutreffen. Wir schließen von wenigen getesteten Personen auf die gesamte Population. Außerdem gehen wir davon aus, mit bestimmten Tests gewisse kognitive Leistungen gemessen zu haben. Bei dem SAT-Test fanden Forscher heraus, dass sich die Ergebnisse zu 64 Prozent über mentale Rotationsleistung voraussagen lassen. Statt Lese-, Rechen- und Schreibfähigkeiten misst der Test tatsächlich vornehmlich die Fähigkeit zu mentaler Rotation.

Ausgehend davon, dass die besprochenen Unterschiede in der Population bestehen, widmen wir uns nun der Frage, ob die Tendenzen der Geschlechter angeboren oder anerzogen sind.


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Kognitive Leistung
Kognitive Leistung

Quellen:

  1. Bischof-Köhler 2006 S. 213
  2. spiegel.de oder “Männer sind intelligenter – und dümmer” zeit.de Abruf 13.07.2019
  3. leeds.ac.uk Abruf 24.07.2019
  4. Linn u. Peterson 1985
  5. Kimura 2002
  6. grin.de Abruf 13.07.2019
  7. komm-mach-mint.de Abruf 13.07.2019
  8. gbe-bund.de Abruf 10.05.2019
  9. Bischof-Köhler 2006 S. 228
  10. spektrum.de Abruf 13.07.2019
  11. sterne-und-weltraum.de Abruf 10.05.2019
  12. Bischof-Köhler 2006 S. 217
  13. sterne-und-weltraum.de Abruf 13.07.2019

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Danke für Dein Verständnis!

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